Lehrermangel

 

Warum gibt es eigentlich einen so gravierenden Lehrermangel in NRW –
besonders tragisch in den Grundschulen,
dieser so wichtigen Instanz
für Schullaufbahn und Entwicklungswohl von Kindern?

 

♦ Zügige Abhilfe wäre vielfältig möglich !

Die meisten der bisher aktivierten oder angedachten Gegenmaßnahmen greifen zu schwach oder zu spät. Ein kurzfristiger Notausgang aus der administrativ generierten Misere wären Kürzungen der Pflichtstunden für Schüler. Übungsanteile des Unterrichts könnten durchaus verpflichtend in den häuslichen Bereich oder in schulische Silentien (mit anderweitiger Aufsicht) verlegt werden.      Debatte im Tagesspiegel 6/2022

Im übrigen braucht es fühlbare Verbesserungen der Rahmenbedingungen an Schulen – vorrangig bessere Besoldung für Lehrkräfte an Grundschulen.

Die Verringerung bürokratischer Belastungen könnte Teilzeitkräfte zum Aufstocken verleiten – und die Quote der Berufsabbrecher abbremsen.     Weniger Queraussteiger – wie Unterrichten wieder sexy wird

Aber auch die Werbung für den Lehrberuf wurde lange vernachlässigt. Bisherige Imagekampagnen hatten in NRW allerdings nur begrenzte Wirkung:   Kampagne MSB 2018    Kampagne MSB 2020     Kampagne MSB 2021
So machte es Berlin …   Flyer    Und so Sachsen-Anhalt …   Headhunter     Lehrerverband:    Kampagne DPhV

Die gemeinnützige Bildungsinitiative Teach First Deutschland setzt Hochschulabsolventen für zwei Jahre an Schulen in „sozialen Brennpunkten“ im Unterricht und außerunterrichtlich als Zusatzkräfte ein; diese unterstützen Schüler insbesondere bei Übergängen zwischen Schulformen und bei Abschlüssen gezielt. Ihre Arbeit wird von Schulleitungen höchst positiv beurteilt.  Mehr

Auch der ‚Quereinstieg‘ ins Lehramt ist besser als sein Ruf. Zumindest in fachlicher Hinsicht schneiden Seiteneinsteiger (zumindest im Sekundarbereich) im Vergleich zu traditionell ausgebildeten Lehramtsanwärtern nach einer Studie der Uni Potsdam nicht schlechter ab, und sie zeigen auch mehr Stressresistenz.    Studie 2020

Würde die Qualitätsanalyse in NRW abgespeckt, also etwa auf das freiwillige Schulfeedback á la Schleswig-Holstein umgestellt, würden sofort bis zu 500 Lehrkräfte für die reguläre Unterrichtsversorgung frei …

Viel Zeit ließe sich gewinnen, wenn Studium und Referendariat parallel und verzahnt organisiert würden – als „duale Lehrer(aus)bildung“. Angehende Lehrkräfte würden alle drei Monate zwischen Universität und Unterrichtspraxis wechseln, natürlich auch bezahlt (statt Semesterferien hätten sie Schulferien). So würde sich der Weg in die Praxis verkürzen, die Lehrerausbildung endlich stärker an der Praxis orientieren und die Finanzierung des Studiums zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen.    ausführlich auf news4teachers


Markante Bilanz aus der Schweiz

Der bekannte Zürcher Lehrer und Bildungspolitiker Hanspeter Amstutz schreibt am 11.6.2022 in der NZZ:

Die dogmatisch gepushte Totalintegration verhaltensauffälliger Schüler ist gescheitert, der überladene Lehrplan erfüllt seine Aufgabe als verlässlicher Bildungskompass in keiner Weise und die Bilanz des aufwändigen Frühfremdsprachenunterrichts ist ernüchternd. Die einengende Vorstellung vom Lehrer als Lernbegleiter schreckt zudem viele ab, die im Lehrerberuf eine verantwortungsvolle Führungsaufgabe mit grosser Gestaltungfreiheit gesehen haben.“


♦ Zur Lage in NRW

Zum Jahresende 2020 waren mehr als 4000 Lehrerstellen in NRW unbesetzt. Und im Schuljahr 2030/31 werden hier zwei Drittel der benötigten MINT-Lehrkräfte fehlen. Nach den Versäumnissen von Ex-Schulministerin Löhrmann waren die Maßnahmenpakete seit 2017 (Seiteneinstieg Grundschule, Sek-II-Lehrkräfte in Grundschule, Sek-II-Lehrkräfte in Sek-I, Neuausrichtung Inklusion sowie Pensionäre und Vorgriffsstellen) noch nicht ausreichend. Und vermutlich wird der Bedarf sogar bundesweit unterschätzt.

Details:

Im Schuljahr 2019/20 lag die durchschnittliche Schülerzahl je Klasse an allgemeinbildenden Schulen (Sek I) in NRW bei 23,5 Schülern, auf 13 Schüler kam eine Lehrer-Vollzeitäquivalent (LVÄ). Für Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien bedeutete das aber Klassenfrequenzen von bis zu 27 Schülern – und das auch nur im landesweiten Durchschnitt. Denn die regionalen und strukturellen Unterschiede sind groß: In Gesamtschulen im Gebiet der Stadt Köln kommt bereits 11,2 Schülern ein LVÄ zu Gute; hingegen überschreitet ein Drittel der 5. und 6. Gymnasialklassen den Landeshöchstwert von 29, in Einzelfällen sind das 34 Schüler.     IT.NRW, 8.12.2020

2018 hieß es dazu aus dem Schulministerium: „Allein in den nächsten zehn Jahren werden an öffentlichen und privaten Schulen in NRW voraussichtlich über 78.000 Stellen neu zu besetzen sein. In den nächsten 20 Jahren sind es insgesamt sogar fast 140.000 Stellen. Dies bedeutet, dass in den nächsten 20 Jahren fast 85 Prozent der für den Schulbereich derzeit vorgesehenen Stellen neu besetzt werden müssen.“ Schlussfolgerung des MSB: „Sehr gute Beschäftigungsaussichten für Lehrkräfte“.
Zudem werden im Schuljahr 2030/31 zwei Drittel der benötigten MINT-Lehrkräfte fehlen. Klaus Klemms neue Bedarfsprognose für NRW fällt noch deutlich schlechter aus als 2014 und die Aussichten im restlichen Deutschland sind auch nicht besser. Wirksame Bemühungen für mehr MINT-Lehramtsabsolventen sind dringend geboten. Und vermutlich wird der Gesamtbedarf an Lehrkräften sogar bundesweit unterschätzt.

Seit 2017 wurden vier Maßnahmenpakete ergriffen, um dem Lehrermangel zu begegnen: Aufgrund von „Seiteneinstieg Grundschule“ (983), „Sek-II-Lehrkräfte in Grundschule“ (684), „Sek-II-Lehrkräfte in Sek-I“ (376), „Neuausrichtung Inklusion“ (1.322) und „Pensionäre“ (541) konnten mittlerweile 3.906 Einstellungen oder Weiterbeschäftigungen zusätzlich erfolgen (Stand: 30.07.2021). Mit den Maßnahmen „Vorgriffsstellen“ für den prognostizierten Bedarf an Gymnasien (1.163) und „sachgrundlose Befristungen“ (293) ergaben sich insgesamt 5.362 zusätzliche Einstellungen.   Deutsches Schulportal (2021)

Dennoch ist lt. Forsa-Umfrage von 2021 auch in NRW Lehrermangel das Hauptproblem von Schulleitungen (insbesondere an Förderschulen) – was die eigene Berufszufriedenheit zunehmend dämpft. Immerhin erhalten Konrektoren an Grund- und Hauptschulen mittlerweile mehr Gehalt, und auch kleinere Grundschulen sollen zukünftig eine Konrektorstelle bekommen.

Gleichwohl waren zum Jahresende 2020 mehr als 4000 Lehrerstellen in NRW unbesetzt. Einmal abgesehen davon, dass die vorige Landesregierung der Frage des Lehrernachwuchses kaum Beachtung schenkte: Ist das reguläre Grundschullehrergehalt für solch‘ anspruchsvolle Tätigkeit einfach zu gering? Oder könnte auch mitspielen, dass am Lehrberuf Interessierte durch eigene Schulerfahrungen abgeschreckt wurden?

Überraschende Befunde zu den Motiven von Abiturienten, nicht den Weg zum Lehramt einzuschlagen, fördert eine aktuelle Untersuchung von Rainer Dollase zu Tage – mit Ansatzpunkten für Konsequenzen …    Details hier


„40% der Lehrer in Deutschland ungeeignet“?

Auch wenn Erhebungen des Passauer Schulpädagogen Prof. Norbert Seibert (Details hier, Replik hier) umstritten sind: In vielen Schulen ist man tatsächlich froh um jeden, der kommt oder nicht das Handtuch schmeißt – wegen des immensen Lehrermangels, insbesondere in Grundschulen. Ein Blick nach Japan könnte Abhilfe schaffen: Dort unterrichten Vollzeitlehrkräfte nur 17 Stunden – solche an Grundschulen nennt man gar ‚Professor‘ und bezahlt sie auch als solche. Dieses Konzept würde hierzulande sicher ganz schnell zu einer Lehrerschwemme führen …